Fallbeispiel: Atemtherapie mit einer Jugendlichen

Von Susanne Gerber, KomplementärTherapeutin mit eidgenössischem Diplom Methode Atemtherapie

Ausgangslage

Meine Klientin (KL) begann im Alter von 17 Jahren mit der Atemtherapie. Sie lebte zu Hause und stand kurz vor dem Schulabschluss an einer Rudolf-Steiner-Schule. Sie hatte ein angespanntes Verhältnis zu ihren Eltern v. a. zu ihrer Mutter. Seit etwa einem Jahr litt sie an Depressionen, Ängsten und einem Gefühl innerer Leere. Sie konnte sich kaum in grossen Menschenmengen aufhalten; hatte Atemnot und meinte, kollabieren zu müssen. Zudem belastete sie eine traumatische Beziehung, die von Abhängigkeit und Missbrauch geprägt war. Ziel der Atemtherapie war, sich in Menschenmengen wohler zu fühlen, den Atem gezielt einzusetzen und den Fokus umlenken zu können.

Verlauf der Therapie

Von Beginn an sprach die KL gut auf die Körper-, Energie- und Atemarbeit an. Sie konnte ihre Körperwahrnehmungen sehr gut spüren und in Worte fassen.

Bereits beim ersten Treffen erlebte sie eine wohltuende Linderung im ganzen System: mehr Erdung, Leichtigkeit und Ruhe. Sie begann zu lächeln und spürte eine Ausgeglichenheit wie schon lange nicht mehr, wie auch eine wohltuende Fülle begleitet von einem Glücksgefühl.

Die KL erlebt die positive Wirkung bewusst und möchte sie wieder spüren können. Innerlich festigt sich das Erlebte. Körper und Seele gelangen zu mehr innerer Ruhe und Balance.

Gespräche waren fester Bestandteil der Sitzungen. Trotz kurzfristiger Besserung benötigte die KL etwa ein Jahr, um die positiven Erfahrungen im Alltag umzusetzen. Parallel dazu begann sie eine Psychotherapie zur Aufarbeitung des Missbrauchs.

Das Gespräch ist ein ebenso wichtiger Aspekt in der ganzheitlichen Atemarbeit. Die KL spricht über ihre Sorgen, Belastungen und Ängste, ihre Bedürfnisse und auch darüber, was in ihrem Prozess zunehmend besser gelingt. Dadurch transferiert sie das Erlebte bewusst und verändert sich nachhaltig.

Die Symptome reduzierten sich deutlich: Heute kann sich die KL in Menschenmengen aufhalten, sie reguliert sich schneller bei Belastung und setzt Grenzen in Beziehungen. Sie weiss, was und wer ihr guttut.

Erkenntnisse, Umgang mit Beschwerden, neue Perspektiven

Die Atemtherapie gab ihr Halt, Stabilität und das Gefühl, nicht allein zu sein. Dies baute ihre Resilienz auf und stärkte ihre Selbstregulation.

In den Jugendjahren ist die Beziehungsebene besonders wichtig, da sich junge Menschen von ihren Eltern abnabeln, allein jedoch (noch) nicht klarkommen. Ich erlebe immer wieder, wie Jugendliche mir als neutrale aussenstehende Person viel anvertrauen, den Austausch suchen und geniessen. Eine vertiefte Reflexion entsteht, was die Umsetzung der von uns definierten Ziele ermöglicht.

So hat auch diese KL Orientierung gefunden auf ihrem Weg, der sie stark belastete und oft ausweglos schien. Die für sie wohltuenden Körperempfindungen ermöglichten ihr, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, freudvoll aufzubauen und Niederschläge als Chancen anzunehmen. Sie hat ihre Sichtweise und innere Haltung verschiedenen Themen gegenüber verändert und ihren Selbstwert verbessert.

Die prozessorientierte Arbeit in der Atemtherapie stützt sich auf die inneren und äusseren Ressourcen einer KL. Die sogenannten «Kraftquellen» unterstützen sie, den Fokus auf das zu lenken, was sie stärkt und unterstützt.

Die Konflikte zu Hause haben sich stark reduziert. Die KL fühlt sich heute von ihren Eltern gestützt. Entscheidende Fortschritte brachte auch die Zusammenarbeit mit ihrer Psychotherapeutin und ein gemeinsames Gespräch mit den Eltern. Das Verständnis, welches die KL erhielt, war ein weiterer Grund für sie, unbelasteter ihren Weg gehen zu können.

Geschieht die Zusammenarbeit mit anderen Bezugs- und Fachpersonen mit ihrem Einverständnis, fühlen sich Jugendliche gestützt und getragen, was ihnen zusätzliche Sicherheit vermittelt. In dieser Altersstufe ein fragiler Aspekt.

Mit Willen und Durchhaltevermögen näherte sich meine KL ihren Zielen, verringerte ihre Beschwerden und verbesserte ihr Selbstwertgefühl. Die bessere Beziehung zur Mutter gab ihr Kraft und Mut, um ihren Weg zu gehen.