Bewusster leben dank Atemtherapie

Von Caroline Zweiacker, Atemtherapeutin

2018 erhielt die 68-jährige Dorothea Plüss die Diagnose Krebs, ausgelöst durch das Sjögren-Syndrom. Die Autoimmunerkrankung führte zu Lymphdrüsenkrebs. Trotz der schweren Krankheit half sie ihr, sich selbst zu finden. Im Interview erzählt sie, wie die Atemtherapie sie dabei unterstützte.

Wie geht es Ihnen heute?

Es geht mir gut, wofür ich sehr dankbar bin. Mein Immunsystem ist noch nicht ganz gestärkt und ich kämpfte noch mit einer Lungenentzündung nach einer längeren Reise. Doch seit Oktober 2024 bin ich krebsfrei, wie mir die Ärzte mitteilten.

Was hat die Krankheit, neben vielen körperlichen Beschwerden, bei Ihnen ausgelöst?

Die Krankheit verursachte 2021 unter anderem eine Gesichtslähmung, weshalb ich mich schämte. Ich wollte niemandem begegnen und zog mich immer mehr zurück, was mich traurig machte. 2023 erlitt ich ausserdem das Brokenheart-Syndrom. Diese beiden Einschnitte sowie die Diagnose Krebs schwächten meinen Körper sehr, weshalb ich etwas brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen.

Wie sind Sie auf die Atemtherapie aufmerksam geworden?

Gegen Ende der Krebserkrankung entdeckte ich bei einem Spaziergang das Plakat von Nathalie Meyer. Ich bin mehrmals daran vorbeispaziert, bevor ich mich traute, mich zu melden. Ich wollte etwas für meinen labilen Zustand tun, um zurück ins Alltaggeschehen zu finden. Mein Körper war durch starken Gewichtsverlust und viel Liegen geschwächt, sodass ich kaum mehr Treppen steigen konnte. Trotz der Unterstützung meiner Familie fühlte ich mich zunehmend unsicher und wusste, dass ich Schritte in die Eigenständigkeit unternehmen muss.
Der Krebs war eine Chance, um innezuhalten und hat mich gezwungen mein Umfeld und mich zu reflektieren.

Wie konnte Ihnen die Atemtherapie diesbezüglich helfen?

Die Atemtherapie hilft mir an meiner inneren und äusseren Haltung zu arbeiten. Sie förderte mein Bewusstsein, stärkte meinen Selbstwert und vertiefte meine sozialen Verbindungen.
Frau Meyer gab mir einen Perspektivenwechsel und sorgte für mehr Entspannung. Sie half mir meine Ressourcen zu entdecken und ging auf Sinnfragen ein.
Als ich in der ersten Stunde bei Frau Meyer ermutigt wurde, nicht auf das zu schauen, was ich nicht mehr kann, sondern mit den vorhandenen Möglichkeiten zu arbeiten und diese auszubauen, wusste ich, dass ich am richtigen Ort war. Ich war fasziniert von der Atemtherapie und meiner Therapeutin. Es war wie eine Wundertüte: Ich fühlte mich durch die passenden Interventionen, die sie mir anbot, jederzeit abgeholt.

Gab es Übungen, die Ihnen besonders geholfen haben und in welcher Weise?

Die Übungen halfen mir wieder «Boden unter die Füsse» zu bekommen. Mit einem Ball unter den Füssen, auf dem ich kreisende Bewegungen machte, stärkte ich meinen Stand und fand wieder Halt im Leben. Balance-Übungen mit dem Medizinball förderten mein Gleichgewicht. Gezieltes Atmen war ebenfalls hilfreich: Ich sass still, legte die Hand auf meinen Bauch und nahm meinen Atem bewusst wahr. Ausserdem machten wir eine Fokus-Übung, bei der ich zentrale Themen aufschrieb. Ich klebte die Zettel an meinen Kleiderschrank.

Welche weiteren Interventionen gab es, die Sie unterstützt haben?

«Der Körper spricht», sagt meine Therapeutin. Es ist in der Tat verblüffend und berührend, was die Arbeit mit Imagination auslösen kann. Damit kam ich an die Essenz des Lebens und näher zu mir. Zur Ruhe bringen mich die Atembehandlungen auf den Kleidern, aber auch die Atemmassage auf der Haut.

Welche Veränderungen nehmen Sie wahr?

Ich nehme den Körper und die Atmung besser wahr und die Muskulatur hat sich gestärkt.
Ich erfreue mich eines grösseren, seelischen Gleichgewichts. Im Gespräch werde ich oft mit anderen, neuen Perspektiven konfrontiert, die für mein persönliches Leben weiterführend sind.
Eine zweimonatige Neuseeland-Reise mit meiner Familie hat mich belebt und mich an die schönen Zeiten erinnert, als die Kinder noch klein waren. Während der gemeinsamen Reise war ich ständig von einem grossen Umfeld umgeben. Ich brauche unbedingt Gesellschaft. Siebelebt mich und gibt mir Kraft. Die Zeit mit der Familie hat mir auch geholfen vergangenes loszulassen.

Was heisst das genau?

Ich habe jetzt ein neues Leben und ich merke, dass ich auch die Narrenfreiheit des Alterns geniessen kann und darf. Im Leben habe ich immer auf das Aussen geschaut und mich unterwegs etwas verloren. Ich bin jetzt quasi auf der Suche nach mir selbst.

Gibt es neben der Atemtherapie noch weitere Dinge, die Sie bei diesem Prozess unterstützen?

Parallel zur Atemtherapie habe ich mit einem biografischen Schreibkurs begonnen. Mit einigen Dingen im Leben bin ich noch unversöhnt und das möchte ich aufarbeiten. Das Schreiben hilft mir, verschiedenste Dinge nochmals anzuschauen und zu ver- und bearbeiten.

Wie reagiert ihr Umfeld auf die Veränderungen?

Das Umfeld ist oft irritiert. Mein Auftreten wird als selbstbewusster und klarer festgestellt.
Den Raum möchte ich mir aber vermehrt nehmen.

Was unterstützt sonst noch im Alltag?

Der biblische Glaube und das Gebet geben mir Kraft. Daneben liebe ich es zu kommunizieren und kreativ zu sein. Ich pflege freundschaftliche Beziehungen und lache gern. Als ehemalige Gymnastiklehrerin habe ich ausserdem Freude an der Bewegung.

Wie oft waren Sie in der Atemtherapie?

Zu Beginn hatte ich wöchentliche Treffen, die später seltener wurden. Ich besuche weiterhin die Atemtherapie, um meinen Lebensprozess kontinuierlich begleitet und gefördert zu wissen und um meine Erfahrungen zu reflektieren. Die Atemtherapie möchte ich weiterhin nutzen, um meine persönliche Entwicklung zu unterstützen.

Was bedeutet Atemtherapie für Sie persönlich?

Die Atemtherapie ist für mich eine Lebenshilfe, die mir zu mehr Lebensqualität, Freude und Leichtigkeit verhilft. Rückblickend sehe ich sie als meinen «Rettungsanker». Sie gab mir im Kampf gegen Trauer und Resignation die Lust am Leben zurück und ermutigte mich, Grenzen zu setzen und mich selbst ernst zu nehmen. Früher fühlte ich mich wie in einem Kokon – sowohl durch die Krankheit als auch durch alte Muster. Heute freue ich mich darauf, diesen Kokon vollständig zu verlassen.

Was würden Sie anderen noch mitgeben?

Ich kann die Atemtherapie jedem empfehlen, da sie das Bewusstsein für sich selbst und die Umwelt stärkt. Sie fördert das Selbstvertrauen, die Gesundheit und eröffnet neue Perspektiven. Sie spricht den Menschen in seiner Ganzheit an.

Ich möchte Menschen ermutigen, wieder mehr auf ihr Herz zu hören. Jeder ist ein Gottesgeschöpf, doch vieles wird durch Erlebnisse und Krankheit verschüttet. Wenn wir zu uns selbst zurückfinden und auf unser Inneres hören, kann wahre Entfaltung geschehen.